
Es gibt Menschen, die scheinen Entscheidungen zu treffen, wie andere Leute einen Termin beim Zahnarzt vereinbaren. Nicht gern. Nicht voller Vorfreude. Aber irgendwann eben doch. Der Zahn tut weh, also ruft man an. Man diskutiert nicht drei Jahre mit dem Karies darüber, ob er vielleicht von allein wieder verschwindet.
Ich gehöre zu diesen Menschen. Nicht, weil ich besonders mutig wäre. Im Gegenteil. Ich denke lange nach. Manchmal zu lange. Ich drehe Probleme von links nach rechts und betrachte sie gegen das Licht. Wenn ich vor einer großen Entscheidung stehe, habe ich meistens schon hundert Gespräche mit mir selbst geführt, bevor ich irgendjemand anderem überhaupt erzähle, dass es etwas zu entscheiden gibt.
Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem ich feststelle, dass ich dieselben Gedanken zum zwanzigsten Mal denke und dieselben Argumente zum zwanzigsten Mal höre. Und dann entscheide ich. Nicht, weil ich plötzlich Klarheit habe. Sondern weil ich nicht daran glaube, dass die Antwort besser wird, wenn ich sie noch weitere sechs Monate hin und her drehe. Wir denken gern, wir sollten erst handeln, wenn wir Klarheit haben. Meine Erfahrung ist eher: Die Klarheit kommt durch das Handeln.
Wie andere Menschen Entscheidungen treffen, beschäftigt mich schon eine Weile, weil ich immer wieder dasselbe beobachte. Menschen sitzen mir gegenüber und führen dieselben Gespräche mit mir. Über Monate. Manchmal über Jahre. Die Beziehung macht sie nicht glücklich. Der Job macht sie nicht glücklich. Die Wohnsituation macht sie nicht glücklich. Die Freundschaft macht sie nicht glücklich. Sie wissen das alles. Sie sagen es laut. Immer wieder. Wir führen dieselben Gespräche, drehen dieselben Gedanken und kommen zu denselben Schlüssen. Und beim nächsten Treffen sitzen wir wieder am selben Tisch und sprechen über dieselbe Entscheidung, die immer noch nicht getroffen wurde.
Vielleicht irritiert mich das deshalb so, weil ich irgendwann aufgehört habe zu glauben, dass es die eine „richtige Entscheidung“ gibt. Nicht bei Liebe, Kindern, Ehen, Umzügen oder Berufen. Dafür ist das Leben viel zu unübersichtlich. Niemand weiß, ob die Ehe hält. Ob die große Liebe wirklich die große Liebe ist. Ob der nächste Umzug die Rettung oder eine weitere Krise wird. Ob wir mit dem neuen Job tatsächlich dort ankommen, wo wir hinwollten.
Ich entscheide mit den Informationen, die ich habe, und der Rest ist Improvisation und Vertrauen. Denn das Leben verteilt keine Garantien. Es gibt keine Vorschau auf die nächsten zehn Jahre. Und trotzdem bin ich umgezogen, habe Kinder bekommen, Jobs gewechselt, geheiratet und mich scheiden lassen. Nicht, weil ich wusste, wie meine Geschichte ausgeht, sondern weil ich darauf vertraut habe, dass ich sie weiterschreiben kann.
Vielleicht denke ich deshalb so, weil mein Leben nicht besonders kooperativ war. Weil es irgendwann aufgehört hat, mich zu fragen, ob ich bereit bin. Weil Dinge passiert sind, die ich nicht geplant hatte und nie gewählt hätte. Depressionen. Trennungen. Verluste. Immer wieder ist mein Leben anders gelaufen als geplant. Und trotzdem war ich noch da.
Seitdem habe ich ein anderes Verhältnis zum Scheitern. Vielleicht glaube ich deshalb nicht mehr, dass die größte Gefahr darin besteht, falsche Entscheidungen zu treffen. Vielleicht besteht sie eher darin, sein Leben damit zu verbringen, auf alle Informationen zu warten, um sich „richtig“ zu entscheiden.
Ich sehe Entscheidungen nicht als etwas, das man findet, sondern als etwas, das man trifft. Denn wenn man glaubt, dass die richtige Entscheidung irgendwo da draußen existiert und nur entdeckt werden muss, dann ergibt Warten Sinn. Wenn man dagegen glaubt, dass Entscheidungen erst im Nachhinein Bedeutung bekommen, dann wirkt langes Verharren irgendwann wie Stillstand.
Genau dort verliere ich regelmäßig den Anschluss. Angst verstehe ich sehr gut. Verlust auch. Unsicherheit sowieso. Ich habe nur irgendwann aufgehört zu glauben, dass man all das beseitigen muss, bevor man handeln kann. Denn ich habe nie erlebt, dass Angst verschwindet. Sie verändert vielleicht ihre Lautstärke. Manchmal sitzt sie hinten im Auto, manchmal direkt auf dem Beifahrersitz. Aber ausgestiegen ist sie selten.
Die meisten Menschen, die ich kenne, wissen, dass sie unglücklich sind und bleiben. Sie wissen, was sie fühlen, und verändern nichts. Sie führen seit Jahren dieselben Gespräche mit sich selbst und stehen trotzdem am selben Punkt. Die Erklärungen dafür kenne ich inzwischen: Loyalität. Verantwortung. Gewohnheit. Schuldgefühle. Hoffnung. Eine gemeinsame Geschichte. Widersprüchliche Vorstellungen. Angst davor, andere zu verletzen. Angst davor, sich selbst zu verletzen. Angst vor Verlust. Angst davor, festzustellen, dass die ersehnte Zukunft vielleicht auch nur eine weitere Version der Gegenwart ist. Ich habe das alles verstanden.
Ich schätze, die unangenehme Wahrheit unter meiner Irritation ist, dass viele Menschen tatsächlich so leben. Dass sie nicht auf Klarheit warten, sondern dass die Ambivalenz selbst zu einer Art Zuhause wird. Dass sie den Schmerz der Ungewissheit dem Schmerz einer Entscheidung vorziehen. Ambivalenz als Lebensstrategie. Solange der innere Schmerz geringer ist als der Preis einer Entscheidung, bleiben viele Menschen bei dem, was sie kennen.
Sie warten darauf, dass die Angst verschwindet. Dass die Entscheidung leichter wird. Dass irgendwann etwas passiert, das ihnen die Verantwortung abnimmt. Ich frage mich: Warum nicht entscheiden, solange ich noch wählen kann? Aber viele Menschen fragen sich offenbar etwas anderes: Warum etwas aufgeben, solange ich nicht sicher weiß, dass das Neue besser wird? Ich sage: Ich entscheide, dann finde ich heraus, was passiert. Sie sagen: Ich finde erst heraus, was passiert, dann entscheide ich.
Keine dieser Strategien ist grundsätzlich mehr richtig oder falsch. Aber sie erzeugen sehr unterschiedliche Lebensläufe. Menschen verändern selten etwas, wenn sie nur unzufrieden sind. Sie verändern etwas, wenn der Schmerz des Bleibens größer wird als der Schmerz der Veränderung. Manche brauchen dafür zwei Wochen. Andere zwei Jahre. Und manche erreichen diesen Punkt nie.
Das Verrückte ist doch, dass viele Menschen glauben, ihnen fehle noch eine Information. Noch ein Gespräch. Noch ein Zeichen. Noch etwas mehr Sicherheit. Aber vielleicht fehlt gar keine Information. Vielleicht fehlt nur das Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit. Das Vertrauen, dass wir mit dem umgehen können, was passiert, nachdem wir entschieden haben.
Ich bin überzeugt davon, dass selbst ein bereuter Weg ein gelebter Weg ist. Dass die Tatsache, dass etwas endet, nicht bedeutet, dass es falsch war. Natürlich kann ich mich irren. Natürlich kann etwas scheitern. Aber dann habe ich wenigstens gelebt. Weil ich mir nicht vorstellen kann, ein Leben zu führen, in dem ich jeden Morgen neben einer Entscheidung aufwache und so tue, als würde sie nicht existieren.
