
Ich dachte, dass ich im Wald die Kontrolle verlieren würde. Nicht bei einem Sonntagsspaziergang mit Thermobecher und Funktionsjacke, sondern während einer Weiterbildung. Eine Woche Wildniscamp. Kein Strom. Kein fließendes Wasser. Kein Telefon. Kein Internet. Keine Uhr. Kein Plan. Dafür ein Zelt irgendwo hinter dem Ort, an dem Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen. Und selbst die beiden hätten vermutlich gesagt: „Puh. Ganz schön weit draußen.“
Genau dort lebte, lernte und arbeitete ich eine Woche lang gemeinsam mit einer Gruppe Menschen. Ich war überzeugt, spätestens am dritten Tag heimlich mein Smartphone anzuschalten und zu schauen, was in der Welt so los ist. Interessanterweise passierte genau das nicht.
Einige aus der Gruppe beschrieben die Zeit ohne Telefon als Kontrollverlust. Ich verstand den Gedanken. Eigentlich hätte ich ihn selbst haben müssen. Schließlich war plötzlich alles weg, worüber ich normalerweise meinen Alltag steuerte: Uhrzeit. Wetter-App. Navigation. Chat. Google. Kalender. Die Möglichkeit, jederzeit alles nachschauen zu können. Trotzdem fühlte ich mich nicht, als hätte ich Kontrolle verloren. Sondern als hätte ich sie zurückbekommen.
Vor dieser Woche hätte ich Kontrolle vermutlich so definiert: jederzeit erreichbar sein. Wissen, wie spät es ist. Wettervorhersagen checken. Nachrichten beantworten. Im Zweifel schnell etwas googeln. Navigieren. Jederzeit reagieren können. Den Überblick behalten.
Doch während draußen der Wind durch die Bäume rauschte, Mücken summten, Pferde auf der Koppel wieherten und Regen auf mein Zeltdach trommelte, passierte etwas völlig Unerwartetes. Es wurde still. Nicht im Wald. In meinem Kopf.
Keine Stimme kommentierte irgendetwas. Niemand erklärte mir, was ich noch erledigen sollte oder welche Version meiner selbst ich als Nächstes optimieren müsste. Es gab keinen inneren Kampf. Keinen Moment, in dem meine Hand reflexartig nach dem Smartphone griff. Keinen Drang, „nur mal kurz“ nachzusehen, was draußen passiert. Draußen war bereits genug los.
Denn im Wald passierte ständig etwas. Wir holten Wasser. Machten Feuer. Kochten. Erzählten Geschichten. Beobachteten Tiere. Plötzlich zog Regen auf und alle sprangen gleichzeitig los, um Zelte zu schließen und Tarps neu zu spannen. Niemand musste sich vornehmen, im Moment zu leben. Der Moment war schlicht beschäftigt damit, der Moment zu sein.
Erst jetzt wird mir klar, warum sich das alles für mich nicht nach Kontrollverlust angefühlt hat.
Ich habe geglaubt, Sicherheit entsteht dadurch, dass ich möglichst viel im Voraus weiß. Dass ich den Wetterbericht prüfe, bevor die Wolken aufziehen. Dass ich jede Eventualität durchdenke, bevor sie eintritt. Dass ich nur genug planen muss, damit nichts schiefgeht. Dabei interessiert es den Regen herzlich wenig, ob ich vorher eine Wetter-App konsultiert habe. Er kommt oder auch nicht. Und ich kann mit beidem umgehen.
Vielleicht ist das die eigentliche Fähigkeit, die wir im Leben brauchen. Nicht alles vorher zu wissen. Sondern aufmerksam genug zu sein, um zu reagieren, wenn sich etwas verändert. Und Vertrauen beginnt vielleicht genau dort, wo wir aufhören, jede Unsicherheit im Voraus beseitigen zu wollen.
Je länger ich darüber nachdenke, desto häufiger frage ich mich, wie viel Energie ich sonst darauf verwende, Dinge kontrollieren zu wollen, die ich am Ende ohnehin nicht kontrollieren kann. Das Wetter. Die Zukunft. Andere Menschen. Den perfekten Zeitpunkt. Ich plane, prüfe, denke vor, sichere mich ab. Nicht, weil ich dadurch mehr Einfluss hätte, sondern weil Kontrolle sich beruhigend anfühlt. Oder zumindest so tut.
Ich glaube inzwischen, dass Kontrolle oft der Versuch ist, fehlendes Vertrauen zu ersetzen. Im Wald konnte ich dem Moment dennoch vertrauen, weil ich erleben durfte, dass meine größte Befürchtung nicht eingetreten ist. Im Grunde habe ich nämlich keine Angst vor dem Verlust von Kontrolle, sondern vor dem, was danach passieren könnte.
Und plötzlich war die Kontrolle wirklich weg. Kein Telefon. Kein Internet. Keine Uhrzeit. Kein Plan. Und nichts Schlimmes passierte. Im Gegenteil. Ich kam zurecht. Vielleicht hätte diese Erfahrung allein schon gereicht. Aber sie wurde durch etwas möglich, das ich erst später verstanden habe: Ich musste gar nicht allein zurechtkommen.
Im Wald musste ich nicht alles allein im Blick behalten. Wenn Regen kam, reagierten wir gemeinsam. Wenn Wasser gebraucht wurde, holte jemand Wasser. Wenn Feuerholz fehlte, kümmerte sich jemand darum. Verantwortung war keine Einzeldisziplin. Sie verteilte sich auf mehrere Schultern.
Vielleicht fiel es mir gerade deshalb leichter, die Kontrolle loszulassen. Nicht, weil ich plötzlich mutiger geworden wäre. Sondern weil ich erleben durfte, dass ich weder alles vorher wissen noch alles allein tragen musste. Genau so entsteht Vertrauen. Nicht durch gutes Zureden. Sondern durch Erfahrungen, die der eigenen Angst widersprechen.
Ich dachte, ich würde die Kontrolle verlieren. Stattdessen habe ich gelernt, dass ich mit mehr umgehen kann, als ich dachte.
