oder: 7 Dinge, die ich in meiner ersten Wildniswoche gelernt habe.

Eine Woche Wildniscamp. Eigentlich “nur” der Beginn meiner Ausbildung zur Wildnispädagogin. Doch zurückgekommen bin ich mit sieben Erkenntnissen, die mit Feuerbohren erstaunlich wenig zu tun haben.
1. Wir entscheiden selbst, wer wir sein wollen.
„Wer bist du und was treibt dich an, hier zu sein?“ So oder so ähnlich lautet die erste Frage, die sich alle Teilnehmenden stellen müssen. Wer bin ich hier? In der Wildnis. Abseits gesellschaftlicher Konventionen und weit weg von allen Menschen, die mich kennen. Welchen Teil von mir möchte ich zeigen? Und wie viel davon? Behalte ich meinen Namen oder erfinde ich mich neu? Wie oft bekommen wir im Lebenschon die Gelegenheit dazu?
Ich entscheide mich für Authentizität. Ich habe es satt, eine Rolle zu spielen, zu performen und mein Inneres zusammenzuhalten, um bloß niemanden zu überfordern. Hallo, hier bin ich. Mit all meinen Tränen, meiner Überforderung, meiner Unwissenheit und meinem zu lauten Lachen. Aber auch mit meiner frechen Zunge, meiner Begeisterung, meiner Verrücktheit und meinem großen Herzen.
2. Gemeinschaft kann alte Wunden heilen.
Apropos Tränen. Ich bin nicht die Einzige, die sie zeigt. Wir zeigen einander unsere Gefühle. Wir teilen unsere Gedanken und Geschichten. Hinter jeder noch so starken Fassade steckt ein echter Mensch. Mit Sorgen, Ängsten, Hoffnungen und Erwartungen. Wir müssen uns nicht lange kennen, um uns gegenseitig wertzuschätzen. Um schätzen zu können, was jede und jeder in die Gruppe mitbringt: Zum Beispiel Erfahrung, Musik, Geschichten, Trost, Fürsorge, Leichtigkeit, Wissen und Offenheit. Genau diese Einzigartigkeit macht aus einer Gruppe eine Gemeinschaft – oder einen Clan, wie es in der Wildnis heißt.
Schon am ersten Abend sage ich, dass ich nicht weiß, ob ich an diesem Ort und in dieser Ausbildung richtig bin. Am nächsten Morgen gestehe ich, dass ich ernsthaft darüber nachdenke, abzubrechen. „Geh nicht“, sagen einige. „Bleib noch“, sagen andere. „Du gehörst dazu.“ Ich muss schon wieder weinen.
3. Wir sind zu mehr fähig, als wir uns selbst zutrauen.
Tag zwei und ich bin mit den Nerven am Ende. Den ganzen Vormittag stehe ich mit kurzer Hose und T-Shirt im Wald. Die Mücken veranstalten ein Festmahl auf meiner Haut und treiben meine sensorische Reizschwelle ans Limit. Jedes weitere Insekt, das auf mir landet, löst den Impuls aus, laut zu schreien und wild um mich zu schlagen. Plötzlich wirkt der Wald dunkel und fremd. Wie eine Kuppel, die sich über mich schließt und mich festhalten will.
Während ich versuche, aus Brennnesseln eine Schnur herzustellen, laufe ich auf und ab wie ein Tiger im Käfig. In meinem Kopf läuft in Dauerschleife derselbe Kraftklub-Song: Marlboro Mann. Ich konzentriere mich nur auf meine Hände. Darauf, dass aus den Brennnesseln tatsächlich eine Schnur entsteht. „Auch wenn es Abfuck ist und schwer … Wir haben’s geschafft schon bisher …“ Am Ende binde ich sie mir wie ein Armband ums Handgelenk. Als Trophäe. Nicht für das, was meine Hände geschafft haben. Sondern für das, was mein Kopf ausgehalten hat.
4. Wachstum geschieht, wenn wir glauben, dass es nicht mehr weitergeht.
Nach den Mücken am Vormittag spaziere ich an Feldern entlang, gehe in einem Waldsee baden, unterhalte mich und mache Witze. Bin ich eigentlich bescheuert? Ich wollte doch aufhören, ständig über meine Grenzen zu gehen, wenn mein Körper sie mir so deutlich zeigt. Später sitze ich in meinem Zelt und weine und schluchze wie von Sinnen. Ich überlege, jemanden anzurufen und mich abholen zu lassen. Ich versuche wirklich, mich zu beruhigen.
Am Abend sollen wir drei Ziele für dieses Jahr aufschreiben. Eines davon soll mit der Wildnispädagogik zu tun haben. Mir fällt nichts ein. Also schreibe ich: Ich brauche eine Eingebung, ob ich diese Ausbildung wirklich machen oder aussteigen soll. Kurz vor der Dämmerung verbrenne ich den Zettel in einem Feuerritual, während der gesamte Clan singt und musiziert. Plötzlich packt es mich. Etwas krabbelt über meine Fußsohlen, meine Beine hinauf, durchfährt meinen Oberkörper, meine Arme und rastet mit Nachdruck in meinem Kopf ein.
Danach geht es noch einmal in den Wald. Diesmal im Dunkeln. Und mit so wenig Kleidung am Körper wie möglich. „Scheiße“, denke ich mir, „jetzt gehe ich all-in“, mein Körper ist eh am Limit. Und während ich barfuß, blind und halbnackt durch den Wald laufe und schon wieder von Mücken zerstochen werde, wird mir klar, was am Feuer passiert ist: Ich habe die Frequenz gewechselt. Ich sende jetzt auf Wildnisfrequenz.
5. Verbindung entsteht, wenn wir Zeit füreinander haben.
Wildniscamp. Das bedeutet nicht nur Mücken, Regen, kein fließendes Wasser und keinen Strom. Es bedeutet auch: kein Smartphone, kein Internet, keine Medien, keine Ablenkung. Und die Tage sind lang. Wird das langweilig? Nicht im Geringsten. Es gibt immer etwas zu tun, zu entdecken oder zu bereden. Also rede ich. Ich möchte den Menschen um mich herum ihre Geschichten entlocken. Wer sind sie, mit gekämmten Haaren und sauberen Klamotten? Wie verläuft ihr Leben außerhalb der Wildnis? Was treibt sie an? Woran zweifeln sie? Wonach sehnen sie sich? Worüber denken sie nach, wenn sie nachts in ihrem Schlafsack liegen?
Ich werde einmal mehr daran erinnert, wie süchtig echte Verbindung machen kann. Wenn Gespräche in die Tiefe führen, statt an der Oberfläche zu kratzen. Wenn wir gemeinsam am Lagerfeuer sitzen und singen. Wenn wir im Gras liegen und uns unsere Unsicherheiten und Tränen zeigen. Wenn ich einen Menschen fest umarme, der mir vor wenigen Tagen noch völlig fremd war und sich inzwischen vertraut anfühlt. Wenn niemand zwischendurch aufs Handy schaut. Es gibt keine Lücke, die gefüllt werden muss. Vielleicht, weil Gemeinschaft erstaunlich viel von dem ersetzt, was wir sonst mit Bildschirmen kompensieren. Oder weil wir echte Nähe inzwischen so selten erleben, dass wir gar nicht merken, wie oft wir stattdessen zum Handy greifen.
6. Es gibt Wichtigeres zu tun, als gut auszusehen.
Sieben Tage lang habe ich meine Haare nicht gekämmt. Ich trage dieselbe Hose. Denselben Pullover. Es gibt keinen Spiegel. Kein Badezimmer. Keine Beautyroutine. Und niemanden interessiert es. Mich am allerwenigsten. In der Wildnis zählen andere Dinge. Ob ich trocken bleibe, satt werde, mit anpacken kann, mein Messer wiederfinde und ob noch ein sauberes Pflaster übrig ist.
Wie viel Zeit verbringen wir sonst damit, schöner, jünger oder frischer auszusehen? In der Wildnis verliert das alles an Bedeutung. Alle sehen irgendwie gleich aus. Zerzaust. Verschwitzt. Verraucht. Mit Gräsern in den Haaren und Erde unter den Fingernägeln. Lachend klopfen wir uns gegenseitig Holzspäne von der Kleidung oder sammeln uns Käfer von den Schultern.
7. Es ist egal, wie spät es ist.
Eine Woche lang weiß ich nicht, wie spät es ist. Es gibt keine Uhr. Keinen Zeitplan. Kein „Wir treffen uns um 14 Uhr“. Eigentlich sollte mich das nervös machen. Doch stattdessen werde ich immer ruhiger. Mittagessen gibt es, wenn es Mittagessen gibt. Die nächste Aufgabe beginnt, wenn sie beginnt. Es fühlt sich an, als würde ich außerhalb der Zeit leben.
Gleichzeitig läuft die Welt weiter, auch ohne dass ich weiß, ob es 12:17 oder 13:42 Uhr ist. Und das fühlt sich erstaunlich befreiend an. Ich möchte mir viel öfter erlauben, die Uhr einfach Uhr sein zu lassen. Und mir stattdessen die Zeit nehmen, in der Sonne zu liegen und unter den Sternen.
