Zu reflektiert für diesen Scheiß

„Du solltest das reflektieren“, sagte neulich jemand zu mir. „Dann nimmst du die Energie raus. Und dann könnt ihr euch noch einmal in Ruhe zusammensetzen und darüber sprechen.“ Und während diese Person sprach, merkte ich, wie es in mir brodelte. Nicht Einsicht. Wut.

Ich dachte nur: Ernsthaft? Noch mehr? Warum muss ausgerechnet die Person, die ohnehin permanent reflektiert, noch mehr reflektieren? Warum wird der Person geraten, verständnisvoller zu werden, die bereits Verständnis aufbringt? Warum soll ich noch tiefer graben, während andere offenbar nicht einmal einen Spaten mitbringen?

Ich kann ziemlich gut erklären, warum Menschen sich verhalten, wie sie sich verhalten. Warum jemand Grenzen überschreitet. Warum jemand Dinge verspricht, die er nicht halten kann. Warum sich jemand zurückzieht, obwohl er Nähe wollte. Ich sehe Zusammenhänge. Biografien. Unsicherheiten. Bindungsmuster. Kommunikationsprobleme.

Mich selbst nehme ich dabei nicht aus. Meine Kindheit. Meine Kommunikation. Meine Trigger. Meine Bedürfnisse. Meine Erwartungen. Meine Kommunikation über meine Kommunikation.

Und genau das ist das Problem.

Hartnäckig hält sich die Vorstellung, dass Menschen, die viel reflektieren, das bestimmt auch wahnsinnig gern tun. Als wäre Reflexion eine Art Wellnessprogramm. Ein heißes Schaumbad fürs Gehirn. Ein bisschen Gefühle sortieren, zwei Bindungsmuster wegsortieren, kurz das innere Kind streicheln und anschließend fühlt man sich frisch, ausgeruht und emotional gepeelt.

The Fuck?!

So funktioniert das aber nicht. Reflexion ist anstrengend. Sie kostet Zeit. Sie kostet Energie. Sich zu reflektieren bedeutet, sich immer wieder selbst dabei zu erwischen, wie man sich gerade eine Geschichte erzählt, die zwar angenehm klingt, aber leider nicht stimmt. Es bedeutet, Verantwortung für den eigenen Anteil zu übernehmen, obwohl das Ego gerade viel lieber mit dem Finger auf jemand anderen zeigen würde.

Ich reflektiere, weil ich aus Fehlern lernen möchte. Weil ich Konflikte auflösen und meinen Teil dazu beitragen möchte, dass Beziehungen funktionieren. Das Problem ist nur: Ich habe überhaupt keine Lust mehr, emotionale Überstunden für andere zu machen.

Meinen Anteil zu prüfen, ist das eine. Zusätzlich noch die Beweggründe, blinden Flecken und unausgesprochenen Gefühle einer anderen Person mitzuverwalten, etwas völlig anderes. Während ich innerlich längst das vollständige Konfliktprotokoll samt Ursachenanalyse und Lösungsvorschlag erstelle, läuft die andere Person erstaunlich unbelastet weiter durchs Leben. Wie ein Golden Retriever mit dem unerschütterlichen Selbstbewusstsein eines mittelalten Mannes auf Facebook. Vielleicht übertreibe ich. Aber höchstens ein bisschen.

Und während ich noch wütend bin, geht es schon wieder darum, diese Wut möglichst schnell in etwas Konstruktives umzuwandeln. Als wäre sie erst dann legitim, wenn sie sich ordentlich benimmt. Wenn sie sachlich bleibt. Wenn sie niemandem auf die Füße tritt. Wenn sie am Ende in einem ruhigen Gespräch mit Ich-Botschaften und einer Thermoskanne Kräutertee endet.

Ich mag Ich-Botschaften. Kommunikation ist mir wichtig. Trotzdem möchte ich nicht fünf Minuten, nachdem jemand Scheiße gebaut hat, bereits die vernünftige Version von mir sein, die das alles eingeordnet hat.

Stattdessen möchte ich laut und völlig unpädagogisch sagen: FICK DICH!!!

Ich möchte einfach wütend sein dürfen. Ich möchte Teller an die Wand werfen. Mit einem Baseballschläger eine Fensterscheibe einschlagen. Einen stabilen Roundhouse Kick gegen eine Pyramide aus Konservendosen setzen. Ich möchte in eine dieser Hallen fahren, in denen man gegen Bezahlung alte Drucker, Waschmaschinen und Bürostühle mit einem Vorschlaghammer zerlegen darf.

Nicht, weil ich irgendjemanden verletzen will. Sondern weil mein Körper offensichtlich eine andere Vorstellung von Konfliktbewältigung hat als mein Kopf. Mein Kopf möchte reflektieren. Mein Körper möchte Dinge kaputt machen. Und ehrlich gesagt ist mir mein Körper gerade sympathischer. Denn Wut ist nicht immer ein Problem, das sofort gelöst werden muss.

Manchmal ist Wut eine vollkommen angemessene Reaktion. Und dann will ich sie nicht in etwas Produktives verwandeln. Sie soll nicht reflektiert, gewaltfrei und lösungsorientiert sein. Als müsste jeder Anflug von Wut innerhalb von 48 Stunden in eine konstruktive PowerPoint-Präsentation verwandelt werden.

Ich weiß, das klingt erschreckend undifferenziert. Fast schon unprofessionell. Fehlt eigentlich nur noch, dass ich schreibe: „Die Welt ist doof und alle sind gemein zu mir.“ Was mich daran ankotzt, ist: Emotionen werden oft erst dann akzeptiert, wenn sie möglichst schnell in Selbstoptimierung überführt werden. Ist man verletzt, soll man schauen, was man daraus lernen kann. Ist man traurig, soll man wachsen. Ist man wütend, soll man seinen Trigger finden. Vielleicht bin ich aber gar nicht „nur“ getriggert. Vielleicht hat sich jemand anderes schlicht scheiße verhalten.

Das ist keine Absage an Reflexion. Nur an den Gedanken, dass sie sofort stattfinden muss. Natürlich werde ich irgendwann meinen Anteil prüfen und versuchen, die andere Person zu verstehen. Ich kenne mich. Wahrscheinlich sogar gründlicher, als nötig wäre. Aber eben nicht jetzt.

Verstehen ist eine faszinierende Fähigkeit. Oft kommt sie allerdings zu früh. Dann erklärt sie etwas rational, das eigentlich erst einmal gefühlt werden müsste. Sie räumt auf, obwohl das Wohnzimmer noch brennt. Und fragt anschließend, ob wir nicht alle etwas daraus lernen konnten? Vielleicht.

Aber. Heute. Fucking. Nicht.

Heute bin ich noch nicht an dem Punkt, an dem ich eine Lösung will. Heute möchte ich nicht vermitteln. Nicht deeskalieren. Keine Harmonie herstellen. Nicht die Energie rausnehmen. Nicht die Vernünftige sein. Kein Muster erkennen. Keine Lektion entdecken. Nicht besonders erwachsen sein.

Heute bin ich einfach nur richtig angepisst und habe dabei genau einen einzigen, völlig unproduktiven Gedanken:

Ich fick auf die verdammte Lösung!

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