
Ich habe in den letzten Jahren viel über meine Depression gesprochen. Mit Freunden. Mit Fremden. Ich habe darüber geschrieben. Ein Buch veröffentlicht. Lesungen gehalten. Ich habe all die Dinge erzählt, die man sonst nur nachts um halb drei denkt und morgens schnell wieder wegschiebt.
Nicht, weil ich besonders mutig sein wollte. Sondern weil ich mir dachte: Wenn ich die ganze Scheiße schon durchmachen musste, dann will ich wenigstens, dass auch jemand anderes etwas davon hat. Gewarnt ist. Aufgeklärt wird. Vielleicht ist das der einzige Trost, den ich aus dieser Zeit ziehen kann.
Doch vielleicht überschätze ich, was Geschichten leisten können. Ich schreibe oft darüber, dass Geschichten die Welt verändern. Dass sie Perspektiven verschieben, Menschen berühren, Türen öffnen. Und das glaube ich auch immer noch. Aber offenbar kann selbst meine Geschichte etwas Entscheidendes nicht. Sie kann dich nicht davor bewahren, zu glauben, dass ausgerechnet du die Ausnahme bist.
Eine Art menschlicher Reflex lässt uns glauben, wir wären die Ausnahme. Mir kann das nicht passieren. Wir kennen Menschen mit Herzinfarkt und ernähren uns trotzdem ungesund. Wir wissen, dass Rauchen Krebs verursacht. Dass Alkohol abhängig machen kann. Dass Stress krank macht. Und trotzdem glauben wir jedes Mal, dass unser Körper länger durchhält. Als gäbe es irgendwo eine geheime Sonderregelung. Ich nicht. Bei mir ist das anders. Nur noch dieses Projekt. Nur noch bis zum Urlaub. Nur noch bis Weihnachten.
Ich frage mich dann, ob ich selbst damals anders gewesen wäre. Wenn jemand zu mir gesagt hätte: „Ich mache mir Sorgen um dich.“ Hätte das etwas verändert? Hätte ich zugehört? Oder wäre auch ich überzeugt davon gewesen, ich könne mit genügend Disziplin, Kaffee und gutem Willen meinen eigenen Zusammenbruch verhindern? Ich weiß es nicht.
Aber was ich heute weiß, ist, dass ich es gebraucht hätte. Jemanden, der meine Erschöpfung ernster nimmt als ich selbst. Jemanden, der mir sehr deutlich zu verstehen gegeben hätte, dass mein Leben schon lange keine „stressige Phase“ mehr ist, sondern ein anhaltender Hilferuf meines Körpers. Jemanden, der immer wieder nachfragt, auch wenn ich jedes Mal behaupte, alles sei in Ordnung.
Manchmal frage ich mich, ob ich meine Geschichte nicht gut genug erzählt habe. Nicht detailliert genug. Nicht abschreckend genug. Denn in den letzten Monaten erzählen mir immer wieder Menschen, die meine dunkelste Zeit miterlebt haben, dieselben Sätze. Sie sagen, dass sie „gerade auf dem Zahnfleisch gehen, aber in zwei Wochen habe ich Urlaub“. Oder: „Wenn das Projekt erst mal vorbei ist, wird es ruhiger.“ Besonders oft höre ich: „Im Moment ist einfach viel los. Das wird schon wieder.“ Wann? WANN?
Ich sehe Menschen, die ich liebe, auf einen Burnout zusteuern. Sie erzählen mir von Schlafstörungen. Davon, dass sie nur noch funktionieren, ständig erschöpft sind oder sich selbst nicht mehr wiedererkennen. Und wenn ich ihnen sage, sie sollen auf sich aufpassen und sich Hilfe suchen, dann nicken sie. Und machen weiter wie bisher.
Natürlich weiß ich, dass jeder Mensch seinen eigenen Weg gehen muss. Ich weiß, dass niemand gern ungefragt Ratschläge bekommt. Dass Erfahrungen sich nicht einfach übertragen lassen wie eine Datei auf einen USB-Stick.
Trotzdem möchte ich laut schreien: Habt ihr denn nicht gesehen, wie das ausgeht? Ich habe euch doch nichts verheimlicht! Ihr wart dabei! Ihr habt erlebt, wie ich immer weniger wurde. Wie ich irgendwann nicht mehr konnte. Ihr habt gesehen, was passiert, wenn der Körper irgendwann die Reißleine zieht. Warum glaubt ihr trotzdem, dass eure Geschichte anders enden wird?
Das Problem ist: Depressionen, Burnouts und andere mentale Erkrankungen kündigen sich nicht spektakulär an. Sie schleichen sich heran. Sie tarnen sich als stressige Phase, als schlechter Monat, als vorübergehende Erschöpfung. Sie benutzen Sätze, die vernünftig klingen. „Es ist gerade einfach viel zu tun“ oder „Es wird bald besser“ oder „Ich muss nur noch kurz durchhalten“. Und irgendwann merkst du nicht einmal mehr, dass du seit Monaten nur noch „kurz durchhältst“ und schon lange nicht mehr lebst. Ist es das, was du willst?
Deshalb schreibe ich diesen Text. Nicht, weil ich glaube, dass ich klüger bin als andere. Nicht, weil ich denke, besser zu wissen, was für andere Menschen richtig ist. Sondern weil ich weiß, wie leicht man den eigenen Zustand kleinredet, wenn man mittendrin steckt. Weil ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man die eigene, anhaltende Erschöpfung irgendwann für Normalität hält.
Ich kann niemanden gegen den eigenen Willen retten. Das ist klar. Aber ich glaube, dass wir füreinander Spiegel sein können. Dass wir sagen dürfen: „Mir fällt auf, dass du dich verändert hast.“ Oder: „Ich mache mir Sorgen um dich.“ Nicht als Diagnose. Nicht als Aufforderung. Sondern als Angebot, den Blick von außen dazuzunehmen.
Falls du gerade niemanden hast, der diesen Blick für dich übernimmt, dann möchte ich mit diesem Text für einen Moment dieser Mensch sein.
Denn was ich wirklich weiß, ist, dass es niemals einen günstigen Zeitpunkt gibt, um auszufallen. Es wird immer Menschen geben, die dich brauchen. Rechnungen, die bezahlt werden müssen. Projekte, die fertig werden sollen. Kinder, Kolleginnen, Kundschaft, Verpflichtungen. Wenn du darauf wartest, dass dein Leben dir freiwillig eine Pause schenkt, wirst du nie eine machen.
Vielleicht liest du das gerade und denkst, dass dich das alles nicht betrifft. Trotzdem meldet sich irgendwo in deinem Kopf diese kleine, lästige Stimme, die du in letzter Zeit ziemlich erfolgreich überhörst. Die schon länger sagt, dass etwas nicht stimmt. Dass du müde bist. Nicht ich-brauche-mal-Urlaub-müde. Sondern eine Müdigkeit, die auch nach einem ausgeschlafenen Wochenende nicht verschwindet.
Falls das so ist, dann wünsche ich mir nur eine einzige Sache. Dass du diese Stimme heute nicht wieder vertröstest. Nicht bis zum Urlaub. Nicht bis das Projekt abgeschlossen ist. Nicht bis Weihnachten. Denn solange du meine Worte liest und denkst: „Eigentlich müsste ich etwas ändern“, kannst du dich noch entscheiden. Du kannst heute etwas absagen. Du kannst dir Hilfe suchen. Du kannst morgen zum Arzt gehen. Du kannst Grenzen setzen. All das sind Möglichkeiten.
Denn irgendwann, schneller als du denkst, gibt es keine Möglichkeiten mehr. Irgendwann übernimmt dein Körper die Verhandlungen und streicht deine Stimme aus dem Gespräch. Dann verhandelst du nicht mehr darüber, ob du eine Pause brauchst. Dann verhandelst du nur noch darüber, wie lange es dauert, bis du wieder auf die Beine kommst.
Genau deshalb wünsche ich dir den Mut, jetzt zu handeln. Nicht, weil dann garantiert alles gut wird. Sondern weil Handeln ein Luxus ist, den wir oft erst dann zu schätzen wissen, wenn er uns genommen wurde. Irgendwann ist genau dieser Handlungsspielraum verschwunden. Dann geht es nicht mehr darum, was du möchtest, sondern nur noch darum, womit dein Körper dich überhaupt davonkommen lässt.
