Wie ich mit 41 den Jackpot knacke

Auf einer Geburtstagsparty erzählte mir eine Bekannte neulich, dass sie gerade einen Monat mit ihrem Mann durch Nordeuropa gereist ist. Sie erzählte von kleinen und großen Abenteuern, geriet richtig ins Schwärmen von ihrer gemeinsamen Zeit und ich saß daneben und dachte plötzlich: Moment mal. Ich war auch mal verheiratet. Aber wir sind nie irgendwo herumgereist. Wir haben überhaupt selten etwas getan, das einem gemeinsamen Urlaub nahegekommen wäre.

Je länger ich darüber nachdachte, desto länger wurde die Liste. Wir hatten keine richtige Hochzeitsreise. Ich kann mich nicht erinnern, ob und wie wir unseren Jahrestag gefeiert haben. Wir haben nie ein gemeinsames Hobby entwickelt, keinen gemeinsamen Freundeskreis aufgebaut, so gut wie nie zusammen gekocht. Wir sind nie spontan übers Wochenende weggefahren. Nicht einmal dieses kitschige „Lass uns hier kurz anhalten, weil der Sonnenuntergang gerade so schön aussieht.“ Es gab nicht mal ein gemeinsames Lieblingsrestaurant.

Ich weiß nicht, warum mich das erst jetzt trifft. Meine Ehe ist seit über zehn Jahren vorbei. Hätte mir diese Erkenntnis nicht etwas früher einfallen können? Direkt nach dem Auszug zum Beispiel? Oder spätestens nach der Scheidung? Stattdessen brauchte ich für die Evaluation etwas mehr Anlauf. Und eine Nordeuropareise, an der ich nicht einmal teilgenommen habe. Timing scheint mein Ding zu sein.

Das Seltsame ist, dass ich diese Dinge damals gar nicht vermisst habe. Wie auch? Woher soll Sehnsucht kommen, wenn ich gar nicht weiß, wonach ich mich sehnen könnte? Damals dachte ich: So ist Ehe eben. Jede Beziehung sieht anders aus. Und natürlich stimmt das. Aber manchmal benutzen wir Sätze wie diesen auch, um uns nicht eingestehen zu müssen, dass wir uns mit erstaunlich viel weniger zufriedengeben, als wir ursprünglich mal wollten.

Seit dieser Party denke ich darüber nach, wie oft das im Leben passiert. Nicht nur in Beziehungen. Manchmal merkt man erst Jahre später, dass man in einem Beruf nie wirklich gern gearbeitet hat. Dass man zwar einen großen Freundeskreis hatte, sich aber nie wirklich zugehörig gefühlt hat. Oder dass man zwar ein Elternteil ist, aber nie zusammen am Küchentisch gesessen und wirklich miteinander geredet hat.

Wir können unser Leben eben nur mit dem Maßstab bewerten, den wir gerade haben. Und manchmal verändert sich dieser Maßstab erst Jahre später. Die Vergangenheit selbst interessiert das herzlich wenig. Jahrelang leben wir etwas und halten es für „normal“, einfach, weil wir es nicht anders kennen. Bis jemand beiläufig einen Satz sagt und plötzlich fällt einem auf, dass man auch eine ganz andere Geschichte hätte erleben können.

Ich gebe zu, dass mich das neidisch macht. Nicht auf andere Menschen oder ihre Beziehungen. Ich bin neidisch auf ihre Erinnerungen. Neidisch auf ihre Selbstverständlichkeit. Auf ihre Geschichten, die sie erzählen, ohne zu ahnen, dass sie gerade etwas beschreiben, das für jemand anderen überhaupt nicht selbstverständlich ist.

Früher hätte mich diese Erkenntnis wütend gemacht. Ich hätte mich geärgert. Mich gefragt, warum mir das entgangen ist. Warum mir niemand gesagt hat, dass offenbar mehr möglich gewesen wäre als die Basisversion. Doch diesmal passiert etwas anderes. Irgendwo zwischen „Das hatte ich nie“ und „Das hätte ich gern gehabt“ schiebt sich ein neuer Gedanke: Moment mal. Warum benehme ich mich, als hätte mein Leben schon geschlossen?

I mean, ich sitze da mit Anfang vierzig und betrachte Dinge, die ich noch nie erlebt habe, als wären sie unwiederbringlich verloren. Und das ist eine ziemlich gewagte These. Ich bin einundvierzig, nicht einundachtzig. Und selbst mit einundachtzig gäbe es mit Sicherheit noch Dinge, die ich zum ersten Mal tun könnte, um mir meine eigene Argumentation zu versauen.

Wir reden oft davon, dass die besten ersten Male in unserer Jugend und in den frühen Zwanzigern passieren: Die erste große Liebe. Die erste eigene Wohnung. Der erste richtige Job. Der erste Urlaub mit Freunden. Unser Gehirn liebt erste Male. Sie brennen sich besonders tief ein. Das ist einer der Gründe, warum wir diese Jahre rückblickend oft als so voll und lebendig empfinden.

Aber daraus folgt doch nicht, dass irgendwann alle ersten Male aufgebraucht sind. Als bekäme jeder Mensch bei seiner Geburt ein begrenztes Kontingent und irgendwann erscheint eine Meldung: Vielen Dank für Ihre Teilnahme. Ab jetzt stehen ausschließlich Wiederholungen zur Verfügung.

Eigentlich ist bei mir gerade das Gegenteil der Fall. Mit Anfang zwanzig wusste ich überhaupt nicht, wer ich bin. Ich wusste nicht, was ich brauche, was mir guttut oder welche Fragen ich hätte stellen sollen. Mit einundvierzig ist das Bild deutlich klarer. Heute weiß ich ziemlich gut, worauf ich verzichten kann. Und noch viel wichtiger: Ich weiß, wovon ich gern mehr hätte.

Tatsächlich glaube ich nicht, dass ich für irgendetwas zu spät bin. Ich glaube eher, dass für mein Gehirn gerade eine zweite Runde beginnt. Und was eben noch nach einer Liste verpasster Chancen aussah, wird plötzlich zu einer Liste von Dingen, die ich in meinem Leben noch zum ersten Mal erleben kann. Ein Haufen Premieren also. Jackpot.

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