
Ich bin eine verdammte Heuchlerin. Ja, wirklich.
Ständig schreibe ich über Gefühle. Darüber, wie wichtig sie sind, dass sie ernst genommen werden müssen, woher sie kommen und was sie uns sagen wollen. Aber ich hasse es, sie tatsächlich durchzufühlen.
Gefühle so richtig zu fühlen, gehört für mich in die Kategorie Steuererklärung und Zahnarztbesuch: Schon irgendwie notwendig, aber muss ich wirklich? Kann das nicht jemand anderes für mich machen? Kann ich vielleicht direkt zum Ergebnis springen? Ich kann Gefühle nämlich richtig gut rational. Aber emotional? Holy shit.
Gib mir ein Problem und ich zerlege es. Ich suche Ursachen, stelle Zusammenhänge her, wechsle Perspektiven, erkenne Muster und sortiere fein säuberlich, welcher Teil meiner Reaktion mit heute zu tun hat und welcher irgendwo von früher angekrochen kommt. Wenn alles gut läuft, finde ich eine zufriedenstellende Antwort. Hervorragend. Erledigt.
Doch damit ist es nicht getan. Jetzt soll ich den ganzen Scheiß auch noch fühlen. Mein Verstand ist doch längst fertig. Er hat den Fall geprüft und ein Urteil gefällt.
„Es gibt überhaupt keinen Grund durchzudrehen“, sagt der Verstand.
„Mir geht’s aber scheiße“, sagt das Gefühl.
„Ich kenne die Fakten.“
„Mir. Geht. Es. Scheiße.“
„Ich habe Ursache und Wirkung geklärt.“
„SCHEIßE.“
Und ich sitze dazwischen und wäre gern ganz weit weg.
Denn der Verstand hat ja recht. Ich kenne die Fakten. Ich kenne die Zusammenhänge. Warum fühle ich mich trotzdem so beschissen?
Ist Verstehen nicht der Endboss? Erleben, reagieren, darüber nachdenken und dann macht es Klick: Ach so. Daher kommt das. Deshalb trifft mich das. Darum reagiere ich so. Und sobald ich den Zusammenhang erkenne, öffnet sich irgendwo im Gehirn eine Tür mit der Aufschrift „Erkenntnis“. Zumindest in meiner Vorstellung.
In der Realität kann ich eine Sache vollständig verstanden haben und trotzdem jeden Morgen wieder damit aufwachen.
„Du bist nicht schuld“, sagt der Verstand.
„Fühlt sich aber so an“, sagt das Gefühl.
„Die Entscheidung war richtig.“
„Ich bin trotzdem traurig.“
„Deine Angst ist völlig unverhältnismäßig.“
„ICH HABE ABER ANGST.“
„Das geht vorbei.“
„WANN?“
Ich finde das unverschämt.
Wozu habe ich denn bitte die ganze Denkarbeit gemacht, wenn mein Gefühl anschließend beschließt, die Ergebnisse nicht anzuerkennen?
Ich habe reflektiert. Ausführlich. Zusammenhänge hergestellt, Perspektiven gewechselt, Muster erkannt. Ich könnte eine PowerPoint-Präsentation darüber halten. Und während ich Folie sieben präsentiere, tropfen mir Tränen auf den Laserpointer.
Es frustriert mich maximal, mir selbst beim irrationalen Fühlen zuzusehen. Vor allem, weil ich mir echt viel darauf einbilde, inzwischen weiter zu sein. Reflektiert, therapiert, belesen. Muster erkannt, Grenzen gesetzt, Dinge aufgearbeitet und irgendwann feierlich beschlossen, bestimmte Dinge ab jetzt wirklich anders zu machen.
Ich dachte, ich wäre nicht mehr so. So empfindlich. So ängstlich. So wütend. So unsicher. So enttäuscht. So schnell überfordert. So voller Erwartungen. So verdammt viel Achterbahn. Und plötzlich fühlt sich nicht nur das eigentliche Gefühl beschissen an, sondern seine bloße Existenz wie eine persönliche Niederlage.
„Wir hatten das geklärt“, sagt mein Verstand.
„Offensichtlich nicht“, sagt mein Gefühl.
„Doch.“
„Warum heulen wir dann?“
Guter Punkt.
Jetzt bin ich nicht mehr nur niedergeschlagen. Ich bin wütend darüber, dass ich traurig bin. Ich habe nicht nur Angst, ich schäme mich auch für sie. Ich bin nicht nur verletzt, sondern enttäuscht von mir, weil ich mich überhaupt verletzen lasse. Und mein Verstand sitzt mit verschränkten Armen neben mir und fragt, ob wir diesen Scheiß nicht längst hinter uns hatten.
Hatten wir. Aber meine Gefühle haben das Protokoll offensichtlich nicht gelesen. Und sie geben einen Scheiß auf rationale Schlussfolgerungen. Sie lassen sich weder mit Fakten korrigieren noch von guten Argumenten beeindrucken. Danke fürs Nichts an dieser Stelle.
Und das Verrückte ist doch: Bei anderen akzeptiere ich diesen Widerspruch problemlos. Wenn eine Freundin sagt, sie wisse, dass die Kündigung nichts über ihren Wert aussage, fühle sich aber trotzdem wie eine Versagerin, würde ich nicht versuchen, ihr dieses Gefühl auszureden. Ich würde verstehen, dass man etwas besser wissen und sich trotzdem beschissen fühlen kann.
Doch bei mir selbst gelten offenbar andere Regeln. Da wird Erkenntnis zur Verpflichtung. Wenn ich weiß, dass ich nichts falsch gemacht habe, soll ich mich nicht schuldig fühlen. Wenn ich weiß, dass ich sicher bin, soll ich keine Angst haben. Wenn ich weiß, dass eine Entscheidung richtig war, soll ich sie nicht bereuen. Und wenn ich verstanden habe, woher ein Muster kommt, soll ich gefälligst nicht noch einmal hineinfallen.
Mich beschleicht der Verdacht, dass mein Verstand an dieser Stelle vielleicht doch etwas nicht verstanden hat. Denn Erkenntnis verhindert nicht, dass alte Gefühle wieder hochkommen. Auch nicht, dass sich alte Muster wiederholen. Und sie sorgt nicht dafür, dass ich irgendwann nur noch angemessen, erwachsen und psychologisch einwandfrei reagiere.
„Also, was machen wir jetzt?“, frage ich.
„Analysieren“, sagt der Verstand.
„Haben wir schon.“
„Neu bewerten.“
„Auch.“
„Lösungsstrategie entwickeln.“
Das Gefühl zieht die Nase hoch.
„Heulen.“
„Das bringt doch nichts.“
„Muss es das?“
Und da sitzen wir. Nichts fühlen ist leider keine Option. Alles glauben, was ich fühle, ist allerdings auch eine ziemlich dumme Idee. Ja, meine Gefühle sind echt. Aber deshalb muss das, was sie mir erzählen, noch lange nicht wahr sein.
„Siehst du“, sagt mein Verstand triumphierend. „Genau das sage ich doch die ganze Zeit.“
Mein Gefühl wischt sich mit dem Ärmel über die Nase.
„Ich weiß.“
„Dann können wir ja jetzt aufhören zu heulen.“
„Nein.“
„WARUM NICHT?“
„Ich weiß nicht, wie“, werfe ich ein und ziehe mir die Decke über den Kopf.
Alter, wie lange soll das noch so gehen?
