Alles wird gut

Ich möchte, dass mir jemand ohne den geringsten Zweifel sagt:

Alles wird gut.

Nicht, dass ich das schaffen werde. Nicht, dass ich doch schon so viel geschafft habe. Und bitte nichts darüber, dass in jeder Krise auch eine Chance steckt. Die Pinterest-Zitate-Datenbank kann heute geschlossen bleiben.

Ich möchte keine realistische Einschätzung meiner Situation. Keine detaillierte Betrachtung möglicher Zukunftsszenarien. Und ganz sicher keinen Hinweis darauf, dass niemand wissen kann, was morgen passiert.

Weiß ich alles. Will ich jetzt aber nicht hören. Ich möchte, dass mir jemand voller Überzeugung sagt:

Alles wird gut.

Am Freitag beim Kraftklub-Konzert in Berlin, lief „Der letzte Song (Alles wird gut)“ von Kummer und ich blieb an diesem vollkommen absurden Widerspruch hängen: Die Menschen sind schlecht, die Welt ist am Arsch, das System ist defekt, die Gesellschaft versagt, dein Leben liegt in Scherben, das Haus steht in Flammen – aber alles wird gut.

Ja. Genau das.

Das Haus steht in Flammen. Ich sehe es. Du siehst es. Wir müssen jetzt nicht darüber diskutieren, ob es möglicherweise nur ungünstig beleuchtet ist. Es brennt. Vielleicht lichterloh. Vielleicht kokelt auch nur seit zwei Wochen etwas in der Küche und niemand weiß, wer die Batterien aus dem Rauchmelder genommen hat. Die Lage ist jedenfalls nicht optimal.

Und trotzdem:

Alles wird gut.

Irgendwann haben wir aufgehört, uns Dinge zu versprechen, die wir nicht wissen können. Wir sind schließlich erwachsen. Wir wissen, dass nicht alles gut wird. Und offenbar haben wir darüber vergessen, dass Trost manchmal etwas anderes braucht als die kalte Wahrheit.

Als Kind war das einfacher. Aufgeschlagenes Knie: Alles wird gut. Albtraum: Alles wird gut. Schlechte Noten: Alles wird gut. Streit mit der besten Freundin:

Alles wird gut.

Natürlich wurde nicht immer alles gut. Meine Eltern hatten schließlich auch keine Ahnung. Das weiß ich heute, weil ich selbst Kinder habe und inzwischen rückblickend erschreckend viele Situationen identifizieren kann, in denen ich äußerlich vollkommen souverän „Das kriegen wir schon hin“ gesagt habe, während in meinem Kopf drei Menschen schreiend im Kreis liefen.

Trotzdem:

Alles wird gut.

Das ist nicht als Vorhersage gemeint. Es bedeutet viel mehr: Du musst gerade keine Angst haben. Ich bin da. Du bist nicht allein. Wir kümmern uns später darum.

Und genau das möchte ich jetzt.

Für fünf Minuten nicht die erwachsene Person sein, die weiß, dass Beziehungen scheitern. Dass Menschen krank werden. Dass Familien auseinanderbrechen. Dass Freunde wieder Fremde werden können. Dass Geld ausgeht und Pläne platzen und manche Entscheidungen erst Jahre später verraten, ob sie richtig waren.

Ich weiß das alles. Ich möchte es nur gerade nicht wissen müssen.

Deswegen:

Alles wird gut.

Vielleicht ist das naiv. Dann bin ich heute naiv.

Ich weiß nicht, wann wir uns angewöhnt haben, jedes Gefühl sofort einer Plausibilitätsprüfung zu unterziehen. Ist meine Angst berechtigt? Ist meine Hoffnung realistisch? Sind meine Erwartungen angemessen? Habe ich genügend Fakten für meine Zuversicht zusammengetragen?

Ich möchte keine vernünftige Hoffnung. Ich möchte Trost.

Und Trost ist nicht vernünftig. Trost sitzt nicht mit einem Klemmbrett neben mir und führt eine Risikoanalyse durch. Trost sagt nicht: „Es könnte natürlich auch schlimmer kommen.“ Trost weiß, dass es schlimmer kommen könnte. Trost kennt die Fakten. Trost hat nur den Anstand, für fünf Minuten die Klappe zu halten. Trost setzt sich auch neben dich. Komm her.

Alles wird gut.

Vielleicht weißt du gerade nicht, ob jemand bleibt. Vielleicht hoffst du, dass jemand zurückkommt. Vielleicht wartest du auf einen Befund, einen Anruf, eine Zusage, eine Entschuldigung, Geld, eine Entscheidung oder einfach darauf, dass endlich irgendetwas passiert, damit du nicht noch länger in diesem beschissenen Dazwischen hängen musst.

Vielleicht hast du eine Entscheidung getroffen und wachst seitdem nachts auf, weil dein Gehirn um 3:17 Uhr plötzlich noch zwölf Argumente gefunden hat, warum sie möglicherweise dein gesamtes Leben ruinieren wird. Vielleicht liegt eine Rechnung auf deinem Küchentisch, von der du nicht weißt, wie du sie bezahlen sollst.

Vielleicht funktioniert dein Leben von außen ganz hervorragend und du weißt selbst nicht, warum du dich darin gerade so beschissen fühlst. Vielleicht ist etwas kaputtgegangen, von dem du dachtest, es wäre unzerstörbar. Vielleicht hast du Angst. Vielleicht bist du einfach müde.

Ich kenne deine Geschichte nicht. Ich weiß nicht, was bei dir gerade brennt. Vielleicht nur eine kleine Ecke. Vielleicht steht die ganze verdammte Hütte in Flammen.

Aber:

Alles wird gut.

Ich kann dir nicht sagen, wann. Ich kann dir nicht sagen, wie. Ich habe keinerlei Beweise für diese Behauptung. Sie ist wissenschaftlich nicht belegt, journalistisch unsauber recherchiert und würde bereits an der ersten Nachfrage einer halbwegs engagierten Faktencheckerin scheitern.

Ist mir heute egal.

Alles wird gut.

Und ja, vielleicht wird nicht alles genau so, wie du es dir gerade wünschst. Nein. Streich das. Nicht heute. Heute analysieren wir nicht die inhaltliche Reichweite des Wortes „alles“. Heute bauen wir keine Hintertür in einen Satz, der eigentlich nur dafür da ist, jemanden festzuhalten. Heute darf „alles“ einfach alles heißen.

Der Mensch bleibt. Der Befund ist gut. Das Geld reicht. Die Entscheidung war richtig. Du bekommst die Wohnung. Du bekommst den Job. Die Angst hört auf. Ihr findet einen Weg. Du findest einen Weg. Das, worauf du hoffst, passiert. Das, wovor du Angst hast, nicht.

Alles wird gut.

Kann ich dir das versprechen? Nein. Verspreche ich es dir trotzdem? Ja.

Weil wir manchmal keine Wahrheit brauchen. Wir kennen die Wahrheit längst. Wir wissen, wie unberechenbar dieses Leben ist. Wir wissen, dass niemand von uns einen Vertrag mit dem Universum unterschrieben hat, in dem im Kleingedruckten steht, dass am Ende alles zu unserem Besten ausgeht.

Aber manchmal brauchen wir jemanden, der für einen Moment so tut, als gäbe es diesen Vertrag doch. Jemanden, der unsere Angst kurz mitträgt. Jemanden, der nicht sofort nach einer Lösung sucht. Jemanden, der nicht erklärt, einordnet, relativiert oder optimiert. Nur jemanden, der bleibt, wenn wir selbst gerade nicht wissen, wohin mit uns.

Alles wird gut.

Du musst gerade nichts entscheiden. Nichts verstehen. Nichts daraus lernen. Du musst nicht positiv denken und schon gar nicht dankbar für irgendeine Lektion sein, die das Leben dir angeblich gerade erteilen möchte. Manche Lektionen hätten wirklich eine E-Mail sein können.

Du darfst Angst haben. Du darfst traurig sein. Du darfst wütend sein. Du darfst keine Ahnung haben, wie es weitergeht. Wir kümmern uns später um morgen. Für den Moment kannst du einfach hier sitzen. Du musst nirgendwo hin. Komm her.

Alles wird gut.

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